Pink Hotel by Stothard Anna

Pink Hotel by Stothard Anna

Author:Stothard, Anna [Stothard, Anna]
Language: deu
Format: epub
Tags: Neue Literatur
ISBN: 978-3-257-60188-6
Publisher: Diogenes Verlag AG
Published: 2012-10-02T19:01:58+00:00


[183] 21

Es war ein heißer Tag. Ich atmete einmal tief durch und klingelte an Davids Tür. Nach einer langen Pause, in der ich mich gar nicht mehr zu atmen traute, machte er nur mit einer orangefarbenen Jogginghose bekleidet die Tür auf. Er roch nach Shampoo.

»Na so was, hallo«, sagte er.

»Hi.«

»Schön, dass du da bist. Dann hast du also meine Nachricht bekommen?«

»Woher weiß ich, dass du nicht der Powerdrink-Killer bist?«, antwortete ich lächelnd, blieb aber vor der Tür stehen.

»Weil ich keine Blaubeeren mag«, sagte er.

»Genau das hätte der Mörder auch gesagt.« Ich lächelte wieder.

»Na hör mal, ich bin schließlich derjenige, der eine stadtbekannte Diebin in seine Wohnung einlädt.«

»Du bist echt mutig«, sagte ich sarkastisch, mit falscher Bewunderung in der Stimme.

»Kein Koffer?«, sagte er und musterte mich von Kopf bis Fuß. Im Serena hatte ich die Schließfächer gewechselt. Offenbar mochten mich Vanessa und Tony, denn sie ließen mich weiterhin eins mieten. Zum ersten Mal [184] trug ich an diesem Tag Lilys tailliertes weißes Baumwollkleid mit den schwarzen Knöpfen vorn, dazu ihre grauen Ballerinas. In einer Hand hielt ich den Schulterriemen ihrer beigen Wildleder-Umhängetasche und eine Plastiktüte mit ihren Klamotten: Lilys Jeans und T-Shirts, ihre Sonnenbrille – selbst die Stilettos; nur Lederjacke, Stiefel und die beiden anderen Kleider hatte ich nicht mitgebracht.

»Verkauft, weißt du nicht mehr?«, log ich. Ich achtete peinlich genau darauf, in Davids Wohnung keine Briefe oder Fotos von Lily dabeizuhaben, jedenfalls nicht, wenn ich wusste, dass er da war. Da ich es ihm nun schon so lange verschwiegen hatte, musste er nicht gerade jetzt draufkommen, wer ich war.

Das Mietshaus, in dem David wohnte, sah von außen wie eine Kaserne und von innen wie ein spanisches Motel aus. Alle vier Stockwerke hatten umlaufende Galerien, die auf einen übelriechenden Swimmingpool hinausgingen. Niemand schwamm jemals darin, nur in der brütendsten Hitze versammelten sich die Leute am Rand, um sich die Füße abzukühlen. David war die meiste Zeit weg. Wenn ich wusste, dass er länger nicht wiederkommen würde, holte ich Lilys Briefe. Dann saß ich auf den heißen Stufen vor seiner Wohnung, rauchte seine Zigaretten und las darin. Ich war erleichtert, nicht mehr im Serena Hostel übernachten zu müssen, denn obwohl ich mich immer noch ständig nach Verfolgern umsah, fühlte ich mich doch sicherer als zuvor.

»An meinen Liebling«, schrieb der anonyme Verfasser. »Erinnerst Du Dich an die Mondfinsternis? Du hast [185] mich gefragt, wie es dazu kam, und als ich es Dir erklärt habe, Du Liebste, bekam Dein Blick etwas so bezaubernd Nachdenkliches, und Du hast gesagt: ›Aha, es ist also eine geometrische Fügung.‹ Wie schön Du das formuliert hast, dachte ich. Du mochtest Wörter. Ein andermal hab ich Dir ›Nichtlokalität‹ erklärt – ein Phänomen, das ich selbst kaum verstand: wenn zwei Teilchen über große Entfernungen aufeinander einwirken. Wieder mochtest Du das Wort. Immer wieder hast Du mir ›Nichtlokalität‹ ins Ohr geflüstert, liebevoll, wie ein Kosewort.

Ich wollte Dich beeindrucken, indem ich Dir diese Theorie der Quantenphysik erklärte, doch jetzt kommt es mir so vor, als könnte genau das der Beweis jener magischen Korrespondenz zwischen



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